Aufbruch der Wassermelone

Interview mit Ashley Scott
geführt von Dr. Juliette Brungs, Kunst- und Literaturwissenschaftlerin

 

Brungs: Frau Scott, wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Scott: Ich las einen Artikel über die Bedeutung der Wassermelone in der Geschichte der Sklaven in den USA. Als ich mich dann weiter mit der Thematik beschäftigte, stiess ich zum wiederholten Mal auch auf die rassistischen cartoons und die sogenannten picaninnys: Jemand hatte mir ein Memorabilia in Form eines Aschenbechers gegeben. Auf dem war ein in picaninny-Art rassistisch und physiognomisch überzeichnetes schwarzes Kind plastisch dargestellt. Der nächste Schritt führte mich auf die Webseite des Jim Crow Museums an der Ferris State University, Michigan. David Pilgrim hat dieses Museum mit seinen Sammlungen begründet. Er hat jahrzehntelang die weithin in verschiedensten Formen kursierenden rassistischen Darstellungen von African Americans, der Sklaven die ja herabwürdigend als Jim Crow bezeichnet worden waren, gesammelt und schließlich seine ganze Sammlung der Ferris State U übergeben. Es ist daraus ein einzigartiges, sehr beeindruckendes und auch sehr schmerzhaftes Museum entstanden. Ich las dann David Pilgrims Buch „Understanding Jim Crow“. Dem vorangestellt ist dieses interessante Vorwort von Henry Louis Gates Jr., der Professor für African American Studies und der Direktor des Hutchins Center für African and African American Research an der Harvard University ist. Also dieses Thema ist inzwischen natürlich in der Wissenschaft angekommen, aber noch zu wenige Menschen scheinen zu wissen, wie umfangreich es eigentlich ist. Ich habe mich auch deshalb entschieden, mich dieser Thematik in meinen Arbeiten zuzuwenden.

Brungs: Was hat es mit dem Titel auf sich? Könnten Sie erläutern, in welchem Bezug die Wassermelonen zur Geschichte der Sklaverei in den USA stehen?

Scott: Die Wassermelone galt schon in der frühmodernen europäischen Vorstellung als ein Nahrungsmittel unterer Schichten. Wassermelonen wurden mit minderer Produktivität verbunden; sie sind eine anspruchslose Frucht und brauchen nicht viel Aufmerksamkeit, man muss also – so die Vorstellung – nicht hart für sie arbeiten. Ausserdem sind Wassermelonen im Verzehr eher eine Katastrophe, jeder der selbst schon einmal eine Wassermelone angeschnitten hat weiß, dass man danach mitunter die Küche wischen muss. Also hat die Wassermelone in vieler Hinsicht eine negative Konnotation: ein Produkt der Faulen, ein Nahrungsmittel der Armen und ein Symbol mangelhafter hygienischer Zustände. Und so wurde sie auch häufig bildlich in diesen cartoons in Szene gesetzt und mit rassistischer Herabsetzung verbunden. Für die ehemaligen Sklaven allerdings, die auf den Gütern der Plantagenbesitzer den Anbau auch von Wassermelonen gelernt hatten, wurde die Wassermelone zum Symbol ihrer Freiheit: Wassermelonen wurden zum ersten in Freiheit erzeugten und vertriebenen Produkt dieser ehemaligen Sklaven. Und darum geht es hier. Die Bedeutung, die die Melone für die befreiten Sklaven hatte, die Unabhängigkeit und Chance ihre Familien zu ernähren, stelle ich ganz bewusst gegen die in den cartoons und picanninys gespiegelte gesellschaftliche Vorstellung der damailigen Zeit von ungebildeten, dummen, armen und physignomisch rassifizierend dargestellten unfreien Sklav/innen und befreiten African Americans. Die Wassermelone war ein Symbol ihrer Freiheit geworden.

Brungs: Was zeichnet Ihre künstlerische Umsetzung für Sie aus?

Scott: Ich habe mit 6+1 Teilen begonnen und merkte dann aber bald, dass das Thema diesen Rahmen sprengt. Im Moment ist die vorliegende Form der 9+1 adäquat. Ich habe aber den Eindruck, dass weder diese Arbeit noch das Thema für mich ausgeschöpft sind. Es gibt also mehr was gesagt werden muss und es ist eine work in progress. Alle Teile zusammen bilden ein Werk, man kann sie dabei aber etwa wie ein Puzzle verstehen. Jedes Einzelstück korreliert mit einem bestimmten picanniny, und das zehnte repräsentiert auch mich selbst angesichts der Geschichte.

Brungs: Form- und Farbgebung sind sehr anziehend und freundlich, wie steht das in Beziehung zur der grausamen Thematik der Sklaverei?

Scott: Die Farben repräsentieren für mich auch den spirit der Menschen, der dank harter Kämpfe vieler Generationen weitergetragen werden konnte. Auf der anderen Seite fungieren die Farben als eine Aufforderung sich der Thematik anzunähern, sie erregen Interesse und Aufmerksamkeit. Und in diesem Kontext fällt dann natürlich das tiefschwarze Quadrat auf, das mich repräsentiert und indem ich eine deep blackness herstelle und mich von dieser her definiere. Hier klingen Konflikte der colorization durch, deren Aspekte immer wieder die black community beschäftigen. Entgegen der oft noch verbreiteten Idee nach der heller zu sein besser, schöner, intelligenter bedeutet, bestehe ich hier darauf, dass ich als deep black und also so wie ich bin respektiert werden will.

Brungs: An diesen Aspekt direkt anschließend: Wie beurteilen Sie die Wahrnehmung des nicht-weissen Körpers durch andere Menschen in Europa und den USA?

Scott: Mit dunkler Hautfarbe wird man offenbar zum Unterhaltungsfaktor, es gibt kaum Grenzen, Menschen in Europa treten an mich heran und wollen mich berühren, mein Haar fühlen oder man hält mich grundsätzlich für vorsätzlich aufreizend. Die sexualisierende Betrachtung unserer Körper ist nach wie vor ein Faktum. Andererseits werden wir in den USA stereotypisiert und mit „Ghettostil“ verbunden. Es ist ja so; alle Kreativität und alle Trends beginnen stets auf der Strasse. Und haufig sind es gerade die black women, die diese erfinden. Solange sie selbst allerdings diese tragen, sind die Kreationen selten von allgemeinem Interesse. Wenn diese aber, wie es häufig geschieht, von aussen nachgeahmt oder wenn gar überzeichnete körperliche black features von der meist weissen Fashionwelt übernommen werden, gelten diese als chick und cool. Wir haben ja inzwischen die abenteuerlichsten Implantate und Injektionen für Lippen, Haarkunst, Hautfarbe oder gar die Form des Hinterns. Man stiehlt also mit Vorsatz, verhält sich dann aber nicht zu den politischen Implikationen. Also fühlen wir uns bestohlen. Und so liegt mir natürlich auch in dieser Arbeit daran insbesondere den weiblichen schwarzen Körper aus diesem Kontext herauszuschreiben und den Umgang mit ihm und seine Wahrnehmung zu untersuchen: Der Blick, der das kleine aufreizend dargestellte Mädchen streift, das scheinbar nicht anders kann als sich sexuell anzubieten. Das kleine Mädchen, das schwarze Tinte trinkt. Das sind Zuschreibungen und Sexualisierungen, die dann ja auch über den weiblichen Körper hinausreichen und die in generelle Paternalisierung schwarzer Menschen münden. Die picaninnys sind ein Beispiel dafür, wie durch Zuschreibung, Rassifizierung und Verkindlichung Menschen zum Objekt degradiert oder dem allgemeinen Spott ausgesetzt wurden. Das diese ganzen Konfliktlinien immer noch existieren, sehen wir in den aktuellen Ereignissen in den USA ebenso, wie in dem jüngsten Fall der weißen amerikanischen Malerin Dana Schutz, die sich einer Fotografie des 1955 gelynchten Emmet Till bedient und damit auf der Whitney Biennal in New York eine große Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Die Ermordung Tills 1955 in Mississippi durch zwei weisse Männer, war damals ein wesentlicher Katalysator für die enorm bedeutsame Civil Rights Movement. Man kann sich diese Geschichte nicht einfach aneignen, es ist unsere, und meine Arbeit verstehe ich auch als eine Antwort und meinen Kommentar zu diesen aktuellen Vorgängen.

Brungs: Frau Scott, vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg mit dieser Ausstellung und Ihrer weiteren Arbeit!