September 7th - November 2nd, 2019

ASHLEY SCOTT

"The Hairs, The Hats and Aunt Fancie"

 

 

 

Dr. Elena Sadykova, Berlin, August 2019

Ich betrete das Atelier und werde sofort von einem Farbenreigen eingesogen. Beinah geblendet nehme ich zunächst unzählige bunte Schatten wahr, die um mich herum durch lichterfüllte Räume flattern. Sie scheinen von sonderbaren farbenreichen Objekten geworfen zu werden, die jeden freien Platz im Studio besetzen und es in eine Art magisches Tropenhaus verwandeln.

Diese Vision ist sehr stark, denn die Skulpturen sind von einer Leichtigkeit erfüllt, als ob sie lediglich aus Luft und Farbe bestehen, die zum bunten Schaum geschlagen wurden. Sie machen Eindruck, nicht fest zu sein, federleicht, schwirrend, warm. Der virtuose Umgang mit Farben erzeugt und unterstützt diesen anmutenden Schwebezustand und suggeriert zugleich die erstaunliche Strahlkraft der Plastiken. Die Farben schimmern, leuchten und glühen im Inneren der Figuren wie auf deren Oberfläche, wo sie in einander fließen und über einander laufen, um sich in ein Feuerwerk aus vielen neuen schillernden Flächen und funkelnden Punkten zu verwandeln.

Ashley Scott hat nun mal wieder zugeschlagen: Mit ihrer neuen Serie von Wandplastiken geht sie einen entscheidenden Schritt weiter, sowohl künstlerisch als auch thematisch. Und in beiden Fällen bleibt sie sich treu.

Die eigene Familiengeschichte nährt nach wie vor die Inspiration der Künstlerin und bildet weiterhin den roten Faden ihrer künstlerischen Entwicklung. Die junge Afroamerikanerin setzt sich mit historischen Ereignissen auseinander, von denen ihre Familie seit Generationen mitgerissen wird, und lässt eine Reihe ihrer Ahnfrauen als Zeitzeugen in ihren Werken auftreten.

Dabei ist es mehr als ein bloßes Interesse an den eigenen Wurzeln. Genauso wenig geht es der Künstlerin um die Vertiefung ihrer historischen Studien. Sie wird stark angetrieben von der Frage nach der verborgenen Quelle ihrer eigenen Kunst. Bei ihren Vorfahrinnen hofft und glaubt sie, die Antworten zu finden. Woher zum Beispiel kommen ihre Formen, oder warum nimmt das Material für sie eine so hohe Bedeutung an? Stets ist sie auf der Suche nach dieser Ursubstanz, die ihren Visionen erst ihre Form und dann ihr Leben ermöglichen würde.

Ashley Scott sucht sich ihre Protagonistinnen in ihrer Familie aus, um mit ihnen in einen fiktiven Dialog zu treten, wie es oft im realen Leben, wie zum Beispiel am Esstisch an Thanksgiving der Fall war. Sie findet bzw. erfindet das Wesentliche bei der jeweiligen Person und hält es in ihren Arbeiten fest. Sie macht sich Gedanken nach den in der Ferne liegenden Schlüsselereignissen im Leben ihrer weiblichen Verwandten, deren Namen sie größtenteils kennt. Bis zu den ersten Frauen, die den amerikanischen Boden 1750 mit einem Sklavenschiff „Gold Coast“ erreicht hatten. Unter dem von Sklavenhändler bestimmten Namen Green.

Diesen unbekannten Ahninnen, von denen nur der Nachname geblieben ist, hat Ashley liebevoll die Vision der sich zu einem kleinen goldenen Punkt geschrumpften Afrika-Küste gewidmet, wie sie diese in ihrem Gedächtnis aufbewahrt hatten. Viel mehr als Erinnerungen hatten diese Frauen in ihrem neuen Leben auch nicht gehabt. Nur, was sie selbst waren, samt ihrer dunklen Haut, ihrer unbändigen Haare und ihres starken Willens zum (Über)Leben, dem ihre Kreativität entsprang. Was alles sollten die Frauen mit ihren Haaren angestellt haben! Um nicht zu verhungern versteckten sie das Getreide darin. Um der Strafe oder der Sklaverei gar zu entfliehen, nutzten sie ihre Haare als Träger von geheimen Botschaften: Sie flochten sich versteckte Zeichen in die Haare ein und frisierten diese als Landkarten, um den anderen den sicheren Weg in die Freiheit zu weisen.

Die Haare sind für Ashley daher zu einem gemeinsamen Nenner mit Ihren Vorfahrinnen, zugleich aber zu einem Symbol der Kreativität und Unbeugsamkeit geworden. Deshalb bilden Haare und Kopfschmuck den formellen Rahmen des neuen Zyklus. Abgesehen von einem wichtigen Detail: die Verehrung ihrer Lieblingsgroßtante „Tante Fancie“ *, zu der Ashley ihr Leben lang eine mysteriöse Verbundenheit spürt. Die Hutmacherin. Die Lebenskünstlerin. Die Quelle der Inspiration. Ihre Hüte waren aparte Kunstwerke, die Ashley Scott bis heute nicht vergessen kann.

Sie geht davon aus, dass in deren überbordender, blumiger Schönheit der Ursprung ihres eigenen schöpferischen Weltbilds zu finden sei. Schade nur, dass sie keinen einzigen davon besitzt. Alle sind sie verloren gegangen. Freilich nicht ganz. Deren fantasievolle Extravaganz lodert in den Skulpturen von Ashley und verleiht ihnen ihre einzigartige Lebendigkeit und Leuchtkraft. Und macht viele quälende Fragen überflüssig.

* Obwohl die Sklaverei 1865 offiziell abgeschafft und verboten wurde, dauerte es ca. 50 Jahre, bis die Auswirkungen des Verbotes fühlbar wurden, der Trend zur Anpassung setze ein und ist bis heute nicht beendet. In den 60 Jahren des 20.Jahrhunderts begann die „Great Migration“ von den Südstaaten der USA in den fortschrittlicheren Norden. Tante Fancie4 zog von Alabama nach Chicago, war Teil des „Civil Rights Movement“ und eröffnete ein eigenes Hutgeschäft. Die erste wirklich emanzipierte und dazu noch sehr kreative Frau der Familie Green, die natürlich ihre Kraft und Durchsetzungsfähigkeit aus der eigenen Familiengeschichte bezog (Kommentar von Ashley Scott).